Dienstag, 30. Juni 2009

Die Welt

Gustav Sack

Aus eins ward zwei, dann strichen wir die zwei
und schrieben: wahrlich! es ist eine Welt,
die in sich Stoff und Geist zusammen hält,
und auch kein Pfaffe bricht sie mehr entzwei.

Dann aber: es ist alles Bilderei,
was sich so bunt vor unsre Sinne stellt,
ein X, von dem niemals der Schleier fällt,
ja unsre Sinne selbst sind Malerei,

die Welt, das Ding, die Folge, Zeit und Raum
alles ein schwerer, rätselwirrer Traum.
Und heute schreit man laut auf allen Gassen:

nein, sie ist da, ist harte Wirklichkeit - -
fortrollt die Welt im wilden Strom der Zeit,
wir rollen mit und können sie nicht fassen.

Quelle: http://gedichte.xbib.de

Montag, 29. Juni 2009

Rolltreppenpanik

Florian Scharf

Deichmanns neue Geoxschuhe
verfangen sich in den Rillen
der gestuften Laufbänder,
die Menschen forttragen
von ihrer Identität.

Gefangen von maximalistischem
Materialismus fressen sie
Fastfoodketten leer, um dann
ihr Leben zu investieren,
wo sich Worte in Slogans prostituieren.
Ihr glaubt wohl noch an Geld!

Und vor den Ladentüren, die sich
wie Müllcontainerklappen auf-
und zuschieben, stehen Männer
wie Hunde, als wär‘ in Mekka heut‘
kein Platz für Kapitalismuswölfe.


http://multiplegedankensplitter.twoday.net/

Freitag, 26. Juni 2009

Die menschliche Gesellschaft

Friedrich Hebbel

Wenn du verkörpert wärst zu einem Leibe,
Mit allen deinen Satzungen und Rechten,
Die das Lebendig-Freie schamlos knechten,
Damit dem Toten diese Welt verbleibe;

Die gottverflucht in höllischem Getreibe,
Die Sünden selbst erzeugen, die sie ächten,
Und auf das Rad den Reformator flechten,
Daß er die alten Ketten nicht zerreibe:

Da dürfte dir das schlimmste deiner Glieder,
Keck, wie es wollte, in die Augen schauen,
Du müßtest ganz gewiß vor ihm erröten!

Der Räuber braucht die Faust nur hin und wieder,
Der Mörder treibt sein Werk nicht ohne Grauen,
Du hast das Amt, zu rauben und zu töten.

Quelle: http://gedichte.xbib.de

Mittwoch, 24. Juni 2009

Heutige Welt-Kunst

Friedrich Logau


Anders seyn, und anders scheinen:
Anders reden, anders meinen:
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,
Allem Winde Segel geben:
Bös- und Guten dienstbar leben:
Alles Thun und alles Tichten
Bloß auff eignen Nutzen richten;
Wer sich dessen will befleissen
Kan politisch heuer heissen.

Quelle: http://gedichte.xbib.de

Dienstag, 23. Juni 2009

[Kennst du das Land, wo Grabsch und Humbug blüh'n]

Emerenz Meier

Kennst du das Land, wo Grabsch und Humbug blüh'n,
Die Herzen einzig für den Dollar glüh'n,
Wo Geld vor adliger Gesinnung geht,
Die Schlauheit hoch, die Treue niedrig steht,
Kennst du das Land, dahin, dahin
Würd ich, hätt ich die Wahl, nie wieder zieh'n.

Kennst du die Stadt, mit ihrem großen Dreck,
Ein Wirtshaus steht an jeder Straßeneck
Und in Fabriken schwitzt die Menschenbrut,
Es saugt das Kapital ihr rotes Blut,
Kennst du die Stadt, dahin, dahin,
Laß niemals mich, o ew'ger Vater, zieh'n.

Du Stadt am Michigan, voll Weh und Ach,
Wo manches hoffnungsvolle Herz zerbrach,
Die Sterne nachts am Himmel schau'n mich an,
Was hat man dir, du armes Kind getan?
Kennst du die Stadt, dahin, dahin,
Laß dich von keinen tausend Pferden zieh'n.

Quelle: http://www.wortblume.de

Freitag, 19. Juni 2009

Wolkenspiel

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Quelle: (geralt) http://www.pixelio.de

Dichter und Kämpfer

Erich Mühsam


Unrühmlich ist es, jung zu sterben.
Mein Tod wär sträflicher Verrat.
Ich bin der Freiheit ein Soldat
und muß ihr neue Kämpfer werben.

Und kann ich selbst die Schlacht nicht lenken,
seh selbst nicht mehr das bunte Jahr,
so soll doch meine Bundesschar
im Siege meines Rufs gedenken.

Drum will ich Mensch sein, um zu dichten,
will wecken, die voll Sehnsucht sind,
daß ich im Grab den Frieden find
des Schlafes nach erfüllten Pflichten.


Quelle: http://www.muehsam.de

Mittwoch, 17. Juni 2009

Lied vom Schuft

Gottfried Keller

Ein armer Teufel ist der Schuft,
Er weiss, es kennt ihn jedes Kind,
Er wandelt wie ein Träumender,
Wo unverdorbne Menschen sind.

Ein dummer Teufel ist der Schuft,
Weil er doch der Geprellte ist,
Wenn ihn die Welt, die er betrog,
Mit grossen, klaren Augen misst.

Er geht einher im Silberhaar
Und keimt schon in des Knaben Blick,
Er kriecht umher in dunkler Not
Und spiegelt sich in Glas und Glück.

Bald sitzt er auf dem Königsthron
Und heisst von Gottes Gnaden Schuft,
Bald steckt er und vermodert er
In eines Bettlers Hundegruft.

Doch immer müht und plagt er sich
Und tut, als wär’ er sehr gescheit;
Wenn man an ihm vorübergeht,
So pfeift er aus Verlegenheit.

Lasst pfeifen sie und nagen nur,
Die Ratten, im dunklen Erdenhaus;
Es tagt dereinst ihr Wandertag,
Dann schweigen sie und sterben aus!

Quelle: http://gedichte.xbib.de

Dienstag, 16. Juni 2009

Widersprüche der Liebe

Johann Aloys Blumauer

Die Tyrannin, die so viele Sklaven
Zählt als Menschen auf der Erde sind,
Und mit ihren sieggewohnten Waffen
Alles zwingt, ist doch der Freiheit Kind.

Sie, an deren schwerem Siegeswagen
Wir nie anders als gebunden geh'n,
Der nur Zwang und Sklavendienst behagen,
Kann doch ohne Freiheit nicht besteh'n.

Sie, die mit dem Blick die Freiheit tödtet,
Stirbt doch selbst vom kleinsten Hauch der Pflicht,
Sie, die uns so fest zusammenkettet,
Duldet die geringste Fessel nicht.

Sie, die Widerstand nicht überwindet,
Die selbst Elternfluch nicht übermannt,
Flieht vor jedem Schein des Zwangs, und schwindet
Unter'm Segen einer Priesterhand.

Sie, die frei im ew'gen Lenze blühet,
Welket über Nacht im Ehhett' ab;
Sie, die nach Genusse lechzt und glühet,
Findet im Genusse selbst ihr Grab.

D'rum wozu soll sich der Mensch entschliessen?
Soll er ewig fruchtlos Sklave seyn?
Soll er lieben ohne zu geniessen?
Oder soll er ohne Liebe frey'n?

Quelle: http://gedichte.xbib.de

Montag, 15. Juni 2009

KURZ VOR 12

Stefan Offenbecher

Es war schon spät
als ich wieder durch
den Straßenzug blickte
und die Laternen
grüne Schatten warfen.

Irgendwo luden
mich Bars zum letzen
Drink des Abends ein
und winkten
wie neulich mit weißen
Flaggen aus den Türen.

Ein paar Verrückte
kamen vorbei
und sangen lauthals
80iger Jahre Lieder,
die ich kannte.

Ich wollte schon fast
die Fenster öffnen,
und hinunterspringen,
als mir einfiel, dass ich
gar nicht singen konnte.

http://derbauchschreiber.wordpress.com/2009/

Freitag, 12. Juni 2009

An die Gegenwartvergötterer

Hoffmann von Fallersleben


Ach ! wir sind zu sehr befangen
in der eigenen Schlechtigkeit,
daß wir immer noch verlangen
immer nach der besseren Zeit.

Doch wir wollen uns bestreben,
wollen tun, wie ihr es tut,
und so ganz dem Guten leben
ohne allen Zweifelsmut.

Und wir wollen nicht mehr streiten,
wollen sehen, wie ihr es seht;
O wie gut sind unsere Zeiten,
und wie gut doch alles geht !

Gut ist alles, was bestehet,
und wie gut, daß ihr noch bleibt,
und für uns noch hört und sehet,
und für uns noch denkt und schreibt !


Quelle: http://gedichte.xbib.de

Sozialkritische Gedichte

Lyrik Art, Jim Pfeffer

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