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Mittwoch, 17. September 2008

Kalender

Erich Mühsam


Januar
Der Reiche klappt den Pelz empor,
und mollig glüht das Ofenrohr,
Der Arme klebt, daß er nicht frier,
sein Fenster zu mit Packpapier.

Februar
Im Fasching schaut der reiche Mann
sich gern ein armes Mädchen an.
Wie zärtlich oft die Liebe war,
wird im November offenbar.

März
Im Jahre achtundvierzig schien
die neue Zeit heraufzuziehn.
Ihr, meine Zeitgenossen wißt,
daß heut noch nicht mal Vormärz ist.

April
Wer Diplomate werden will,
nehm sich ein Muster am April.
Aus heiterm Blau bricht der Orkan,
und niemand hat's nachher getan.

Mai
Der Revoluzzer fühlt sich stark.
Des Reichen Vorschrift ist ihm Quark.
Er feiert stolz den ersten Mai.
(Doch fragt er erst die Polizei.)

Juni
Mit Weib und Kind in die Natur,
zur Heilungs-, Stärkungs-, Badekur.
Doch wer da wandert bettelarm,
den fleppt der würdige Gendarm.

Juli
Wie so ein Schwimmbad doch erfrischt,
wenn's glühend heiß vom Himmel zischt!
Dem Vaterland dient der Soldat,
kloppt Griffe noch bei dreißig Grad.

August
Wie arg es zugeht auf der Welt,
wird auf Kongressen festgestellt.
Man trinkt, man tanzt, man redet froh,
und alles bleibt beim status quo.

September
Vorüber ist die Ferienzeit.
Der Lehrer hält den Stock bereit.
Ein Kind sah Berg und Wasserfall,
das andre nur den Schweinestall.

Oktober
Zum Herbstmanöver rücken an
der Landwehr- und Reservemann.
Es drückt der Helm, es schmerzt das Bein.
O welche Lust, Soldat zu sein!

November
Der Tag wird kurz, die Kälte droht.
Da tun die warmen Kleider not.
Ach wärmte doch der Pfandschein so
wie der versetzte Paletot.

Dezember
Nun teilt der gute Nikolaus
die schönen Weihnachtgaben aus.
Das arme Kind hat sie gemacht,
dem reichen werden sie gebracht.

Quelle: http://gedichte.xbib.de

Der Geldsack

Adolf Schults


Ob ihr einen König habt
heuer zum Regenten,
oder ob ihr seid begabt
mit dem Präsidenten,
habt ihr Konstitution
oder habt ihr keine:
Einer sitzet auf dem Thron,
und hernieder voller Hohn
blicket er, dieser Eine-
der Geldsack, der Geldsack!

Könige wurden oft gestürzt,
abgeknickt wie Reiser,
und das Leben gar gekürzt
manchem mächtigen Kaiser:
Keine Revolution
jemals aber keine
stürzte diesen noch vom Thron,
höher als ein Göttersohn
dünkt sich dieser Eine-
der Geldsack, der Geldsack!

Doch es kommt, es kommt die Zeit,
wo auch er muss fallen,
ja, die Stund' ist nicht mehr weit -
seht euch vor, Vasallen!
Eine Revolution
werden wird's wie keine,
wenn entsagen muss der Kron,
wenn er herunter muss vom Thron
endlich dieser Eine-
der Geldsack, der Geldsack


Quelle: http://gedichte.xbib.de

Menschen bei Nacht

Rainer Maria Rilke

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so musst du bedenken: wem.

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.


Quelle : http://www.geocities.com/Athens/6674/indexge.html

Sozialkritische Gedichte

Lyrik Art, Jim Pfeffer

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